20 Schüler – 14 Nationen – 1 Klassengemeinschaft

Deutschklasse an der Maria-Theresia-Mittelschule macht Schüler, Lehrer und Schulleitung stolz

Die Freude im Sommer war groß an der Maria-Theresia-Mittelschule: die Regierung von Schwaben genehmigte den Antrag der Stadt Günzburg als Schulaufwandsträger, in den Schuljahren 2019/2020 und 2020/2021 eine Deutschklasse in gebundener Ganztagsform für den gesamten Landkreis dort einzurichten. Fünf Monate lang besuchen nun 20 Schüler aus 14 Nationen schon eine Klasse. Wie ihr Schulalltag aussieht, wo Herausforderungen liegen und worauf die Schulgemeinschaft stolz ist.

Schulleiter Ralf Klügl erklärt: „Wir führen die Deutschklasse als jahrgangsgemischte Klasse von der 6. bis 8. Jahrgangsstufe durch. Letztlich stehen alle Schüler unabhängig vom Alter vor der Herausforderung eine neue Sprache zu erlernen. Die Deutschklasse als gebundene Ganztagsklasse ist momentan das beste schulische Förderangebot, weshalb wir sehr froh sind, dieses unseren Schülern anbieten zu können.“ Ziel ist es, die Kinder bestmöglich auf den Besuch einer Regelklasse im nächsten Schuljahr vorzubereiten. Für die Fächer Deutsch als Zweitsprache (zehn Stunden pro Woche) und Mathematik (fünf Stunden) werden jeweils Lerngruppen von zehn Schülern gebildet. So gelingt die Förderung nah am einzelnen Schüler.

Die Stadt Günzburg ist die einzige Kommune im Landkreis, die die Deutschklasse finanziell unterstützt und sich um die Fortschreibung des Projekts bemüht. Der tatsächliche Bedarf übersteigt längst eine Klassenstärke. „Bildung ist zur wichtigen Ressource geworden. Sie ist Bodenschatz und Zukunftschance für unsere Kinder und deshalb freuen wir uns sehr über dieses umfassende Bildungsangebot an unserer Schule“, sagt Oberbürgermeister Gerhard Jauernig.

Selbstverständlich gab es zu Beginn des Schuljahres Schwierigkeiten. 14 unterschiedliche Sprachen sowie Kulturen und die Gemeinsamkeit, die Sprache des jetzigen Lands nicht zu beherrschen, forderten Schüler und Lehrer heraus. Manche von ihnen sind ohne Eltern in einem neuen Land.
Für den großen Erfolg der Deutschklasse ist vor allem Barbara Reisacher verantwortlich. Die hoch motivierte und begeisterte Lehrerin, die „Deutsch als Zweitsprache“ als Hauptfach studierte, konzipierte in den Sommerferien den Lehrplan der Klasse. Gibt es zwar für den Lehrstoff der Sprache Vorgaben, musste sie für alle anderen Fächer selbst Themen und Materialien mit vielen Bildern zusammenstellen. Ihre Arbeitsblätter beginnen zumeist mit einem kurzen Informationstext, der gemeinsam laut gelesen wird. Anschließend müssen kleine Aufgaben dazu erledigt werden. Dazu gehört immer, deutsche Wörter mithilfe eines Wörterbuchs, das bei allen Kindern auf dem Tisch liegt, zu übersetzen. Reisacher schaffte es in kurzer Zeit einen Zugang zu den Schülern aufzubauen und für Verständigung zu sorgen. In ihrer Funktion als Klassenlehrerin kümmert sie sich z.B. auch um die monatlichen Busfahrkarten, damit die Schützlinge aus dem ganzen Landkreis pünktlich ankommen. Unterstützung erhält sie von Jugendsozialpfleger Christian Roth von der Jugend- und Erwachsenenhilfe Seitz gGmbH. Roth, der auch im Jugendtreff der Stadt Günzburg arbeitet, ist bei Sorgen und Problemen Ansprechpartner für die Schüler oder organisiert Ausflüge und entlastet damit die Lehrerin.

Jeweils dienstags steht ein ganz besonderes Programm an. Conny Stiefel vom Klimaschutzbüro des Landkreises, die zum „Netzwerk Umweltbildung“ gehört, besucht die Deutschklasse für zwei Stunden. Ihr Klimaprojekt an der Schule finanziert sie aus ihren eigenen Haushaltsmitteln. „Mir ist es wichtig, dass die Kinder ökologische Zusammenhänge verstehen“, begründet die Naturpädagogin ihr hohes Engagement.

Schulleiter Ralf Klügl ist für dieses spezielle und nicht selbstverständliche Angebot sehr dankbar. Zurzeit nimmt Conny Stiefel gemeinsam mit der Deutschklasse „Wetter und Klima durch“. Zuerst wird die letzte Stunde wiederholt. Welche Wörter stecken hinter den Symbolen des Wetterberichts. Sonne, Wolken, Regen, Gewitter, Regenbogen, Schnee und Wind stehen bebildert an der Tafel. Mehmet liest den Wetterbericht der Woche vor. Die Kinder befragen sich gegenseitig nach dem Wetter im Herkunftsland. Saaiid aus Somalia erzählt, dass es dort sehr warm und sonnig ist, aber wenig Regen fällt. Einen Regenbogen kennt er aus seiner Heimat, aber keinen Schnee. Azra aus der Türkei berichtet, dass es heuer erst jetzt in Istanbul schneit, normal wäre Dezember. Stiefel erklärt den Unterschied zwischen Wetter und Klima. Dann wird es schwieriger. Mithilfe von Bildern erklärt sie die Klimazonen. Die Herausforderung, den der Klimawandel mit sich bringt? Erst einmal das Wort verstehen.

Barbara Reisacher bringt den Matheunterricht ins Spiel, dort habe man schon umgewandelt. Das englische „to change“ wird herangezogen. Kinder, die bereits verstanden haben, übersetzen gegebenenfalls für Mitschüler in die jeweilige Muttersprache. Zum Schluss hilft Greta Thunberg. Alle kennen das Mädchen. Die Schüler sollen aufschreiben, was für sie zum Klimawandel gehört. Mario aus Rumänien weiß, dass es immer heißer wird. Kacpar erzählt, dass er schon blühende Blumen gesehen hat. Azra schreibt den fehlenden Schnee ebenfalls auf.

Neben Deutsch und Mathe stehen auch Ethik, Wirtschaft im Beruf, Sachkunde, Sport oder „Kulturelle Bildung und Werteerziehung“ auf dem Stundenplan. Die Inhalte für letztgenanntes Fach erarbeitete Reisacher wiederum selbst. „Ich habe mir überlegt: was muss ich wissen, wenn ich in dieses Land komme? Frauen und Männer sind hier gleichberechtigt. Wir sind alle gleich viel wert. Wir leben in einer Demokratie. Die Grundwerte unserer Gesellschaft möchte ich hier vermitteln.“

Mittwochs werden, wie von allen Ganztagsschülern, die beliebten AGs besucht. Diese dürfen nun für das zweite Schulhalbjahr gewählt werden. Reisacher liest gemeinsam mit den Schülern einen Elternbrief. Sie zeigt, welche Stellen im Text wichtig sind und markiert sie mit ihren Schülern. Sie erklärt, was welche AG macht und wie das Auswahlverfahren funktioniert: „Wähle mit deinen Eltern heute Abend deine drei Lieblingskurse aus und gib ihnen eine Nummer. Nummer 1 bedeutet, ‚finde ich richtig cool‘, Nummer 2 heißt ‚mache ich auch gerne‘ und Nummer 3 ‚ist auch okay‘“.

Mehmet und Edy wollen auf jeden Fall Fußball und Bogenschießen ankreuzen, Jaspreet aus Indien Badminton und Anna aus der Ukraine die „Power Girls“.

Zum Schulalltag der Maria-Theresia-Mittelschule gehört auch der Bistro-Dienst. Die ganze Schulfamilie kommt mittags in den Genuss der eigenen Schulküche, die von den Schülern unterstützt wird. Waren die Kinder der Deutschklasse anfangs noch überfordert mit Tellern und Besteck, streiten sie sich heute darum, wer einen erkrankten Mitschüler vertreten darf. „Es hat sich bewährt, den Schülern Verantwortung zu übertragen. Sie zahlen das immer wieder zurück“, erklärt Ralf Klügl die Philosophie der Maria-Theresia- Mittelschule.

Barbara Reisacher ist mit ihren Kollegen und Schulleiter Klügl stolz darauf, wie schnell und fleißig die Kinder lernen, wie sie zu einer Klasse wurden und wie sie sich für die Schule einbringen. Mehmet fasst zusammen: „Deutsch schwer, aber hier ist es cool.“ Gemeinsam hoffen sie, dass das Angebot der Deutschklasse fortgeführt und vielleicht auch ausgeweitet werden darf.

Bildunterschrift: Barbara Reisacher unterrichtet die Deutschklasse an der Maria-Theresia- Mittelschule. Unterstützt wird sie von Jugendsozialarbeiter Christian Roth.

Fotos: Julia Ehrlich/ Stadt Günzburg

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