Deshalb wird diese Einrichtung bundesweit einmalig sein

Auf dem Gelände des Bezirkskrankenhauses Günzburg entsteht ein zweiter Standort für die Rehabilitation psychisch kranker Menschen in Schwaben

In Kempten hat die RPK vor fast genau 30 Jahren mit medizinischer und beruflicher Rehabilitation begonnen. Aktuell wird kräftig saniert und umgebaut.

Es wird geklopft und gehämmert, immer wieder dröhnt ein Presslufthammer, Staub wirbelt auf. Ein Arbeiter trägt einen Kübel voll Abbruchmaterial nach draußen und kippt den Inhalt in einen Container, der bereits bis zum Rand gefüllt ist. Im ehemaligen Arbeitstrainingszentrum des Bezirkskrankenhauses (BKH) Günzburg unweit des Verwaltungsgebäudes geben aktuell die Handwerker den Ton an. Dort wird eine neue, moderne Rehabilitationseinrichtung mit zunächst 20 teilstationären Plätzen geschaffen. Platz wäre für die doppelte Anzahl. Ob sie ausgeschöpft wird, ist Zukunftsmusik. Nach Aussage von Berthold Gawlik, Geschäftsleiter des Bereiches „Rehabilitation“ der Bezirkskliniken Schwaben, entsteht hier eine Konstellation, die aus zwei Gründen bundesweit einmalig ist: Stationäre Psychiatrie und Rehabilitation liegen künftig nicht nur in einer einzigen Trägerschaft, sondern sie befinden sich auch noch auf ein und demselben Gelände. „Das wird für kurze Wege sorgen – idealer als hier können die Voraussetzungen nicht sein“, sagt Gawlik voller Vorfreude.

Warum die psychiatrische Rehabilitation seit Jahrzehnten bundesweit so ein Schattendasein fristet, kann sich Gawlik nicht erklären. „Wenn jemand beispielsweise am Meniskus operiert wird, dann sucht der Sozialdienst des Krankenhauses für den Patienten ganz selbstverständlich eine Anschlussreha, damit die Funktion seines Knies wiederhergestellt werden kann. Bei psychisch kranken Menschen funktioniert die Kooperation zwischen stationärer Akutbehandlung und anschließender Rehabilitation nur bedingt“, so der 56-Jährige. Er hat im Lauf seines Berufslebens bereits in einigen solcher Einrichtungen gearbeitet und leitet seit 2014 die RPK Schwaben, die einzige im Regierungsbezirk. Inzwischen gehört sie zu den Bezirkskliniken Schwaben. Insgesamt gibt es in Deutschland 52 solcher Standorte, sechs davon in Bayern.

Die RPK Schwaben hat viel Erfahrung. Sie ist eine der ältesten in Deutschland. Seit beinahe 30 Jahren unterstützt sie am bisher einzigen Standort in Kempten junge psychisch kranke Menschen bei der Wiedereingliederung in Gesellschaft, Bildung und Beruf. Die medizinische Rehabilitation dient dabei der Überwindung von Krankheitsfolgen sowie der Vermeidung erneuter Erkrankungen. Das vorrangige Ziel ist eine möglichst selbstständige Lebensführung. An eine medizinische Rehabilitation nach der Akutbehandlung schließt sich die berufliche Reha an. Diese dient der Re-Integration in den Arbeitsmarkt oder der Vorbereitung auf eine Ausbildung beziehungsweise Umschulung. „Der Altersdurchschnitt unserer Rehabilitanden beträgt knapp über 25 Jahre“, berichtet der Geschäftsleiter. Sie haben wegen ihrer psychischen Erkrankung noch keine tragfähige Berufs- und Lebensperspektive entwickeln können. Viele haben zerrissene Lebensläufe, noch keine Ausbildung, wechselnde berufliche Tätigkeiten – meist in sehr niederschwelligen Arbeitsbereichen. Diesen Menschen soll bei der Wiedereingliederung in den Alltag geholfen werden.

Nach Kempten soll in Günzburg eine weitere teilstationäre Einrichtung für diese jüngeren Erkrankten entstehen. „Bisher waren bei uns im Allgäu 96 Prozent der schwäbischen Rehabilitanden aus Südschwaben, nur vier Prozent kamen aus Nordschwaben“, teilt Gawlik mit. Das soll sich ändern. Nach seiner Meinung ist es unzweifelhaft notwendig, auch außerhalb des Allgäus rehabilitative-psychiatrische Angebote wohnortnah für Nordschwaben vorzuhalten.

Im ehemaligen Arbeitstrainingszentrum am BKH Günzburg ist hierfür Platz. Für die berufliche Reha entstehen dort vier Arbeits- und Trainingsbereiche: für Holzverarbeitung und Metallverarbeitung, für Verwaltung/EDV sowie für Elektrotechnik/IT. Letzterer ist für die RPK Schwaben neu. Alle Bereiche werden komplett ausgestattet, die Elektrotechnik beispielsweise mit Schaltpulten etc. „Wir wollen hier herausfinden, wo jemand seine Stärken hat und wo er hin will.“ Gelingt dies, so Gawlik, führt es im Idealfall dazu, dass die Rehabilitanden eine konkrete Lebensperspektive erarbeiten, einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz bekommen oder vielleicht sogar ein Studium beginnen.

Behandlung und Betreuung erfolgen durch ein multiprofessionelles Team aus Ärzten, Psychologen, Sozialpädagogen, Pflegekräften, Arbeitsanleitern und Therapeuten. Neben vielfältigen therapeutischen Angeboten sollen in den großzügig ausgelegten Räumen zudem Schulungsbereiche für EDV verwirklicht sowie Kurse in Deutsch, Englisch und Mathematik angeboten werden. In Zusammenarbeit mit der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik will die RPK in Günzburg jungen Menschen auch Kunsttherapie und Sportprogramme anbieten. „Arbeit ist der Schlüssel“, sagt der Geschäftsleiter mit Nachdruck. „Arbeit ist ein wesentlicher Faktor für den weiteren Verlauf der Erkrankung.“ Eine Tätigkeit führt in der Regel zu einer beruflichen Perspektive, zu einer wirtschaftlichen Gesundung und zu verbesserten Möglichkeiten, soziale Kontakte zu knüpfen. In der Folge entstehen weniger Kosten für die Gesundheitsversorgung, für Medikation und Klinikaufenthalte.

Derzeit ist der Geschäftsleiter dabei, aus zahlreichen Bewerbungen geeignetes Fachpersonal auszusuchen. Geplant sind etwa ein Dutzend neue Stellen in Voll- und Teilzeit. Die Behandlung und Betreuung erfolgen durch ein multiprofessionelles Team aus Ärzten, Psychologen, Sozialpädagogen, Pflegekräften, Arbeitsanleitern und Therapeuten. „Wir brauchen auch die Betriebe vor Ort, die beispielsweise Praktikumsplätze zur Verfügung stellen“, so Gawlik. Er ist sich sicher: Wenn alle – der Geschäftsleiter nennt sie pauschal „unsere Kunden“ – mitmachen, dann wird das Modell erfolgreich sein. Dazu gehören der Arbeits- und Ausbildungsmarkt, die Klinik, die Kostenträger und die Rehabilitanden.

Die Verantwortlichen von Bezirk, Bezirkskliniken und RPK sind sich sicher, dass es klappt. Am Standort Kempten, so Gawlik stolz, habe es die Rehabilitationseinrichtung im vergangenen Jahr geschafft, allen jungen Leuten eine Umschulung oder eine Ausbildung zu vermitteln.

Auf einen Blick

Was? Auf dem Gelände des Bezirkskrankenhauses (BKH) Günzburg soll ein zweiter Standort für eine Rehabilitationseinrichtung für psychisch Kranke (RPK) entstehen. Sie umfasst zunächst 20 teilstationäre Plätze. Das bedeutet, dass die jungen Menschen morgens kommen und am Nachmittag gehen. Tagsüber werden sie behandelt und betreut. Der zweite Standort in Schwaben befindet sich in Kempten im Allgäu.

Wo? Im ehemaligen Arbeitstrainingszentrum (Haus 63) des BKH Günzburg. Es wird komplett saniert und neu ausgestattet.

Wann? Geplanter Start der RPK Günzburg ist am 1. Oktober 2021.

Investitionssumme: Die Bezirkskliniken Schwaben investieren hierfür eine Million Euro.

Arbeitsplätze: Es entstehen zehn bis zwölf neue Arbeitsplätze in Voll- und Teilzeit.

Bildunterschrift: Berthold Gawlik, Geschäftsleiter des Bereiches „Rehabilitation“ der Bezirkskliniken Schwaben, vor dem Haus 63, dem ehemaligen Arbeitstrainingszentrum des Bezirkskrankenhauses (BKH) Günzburg. Hier entsteht der neue Standort der RPK Schwaben.

Bild: Schalk

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